Frauen in den Wechseljahren müssen ihre Stärken entdecken

Von A. Schwegmann
Quelle: Artikel aus den WN vom 30.09.2008
 

Diese Frage stellt Gerda Dellbrügge jeder Frau in ihren Kursen: „Überlegen Sie sich,
worauf Sie stolz sein können.“ Häufig genug schaut sie dabei in verlegene und ratlose Gesichter.

Manche Frauen nennen die Kinder, die sie großgezogen haben. Doch sehr viel mehr fällt vielen von ihnen nicht ein. Etliche der Frauen, die Kurse buchen, wie Gerda Dellbrügge und andere Therapeuten sie anbieten, leiden unter den Folgen des Älterwerdens und empfinden die Wechseljahre als eine Art persönlichen Keulenschlag. Sie sprechen von Wechselbädern der Gefühle, von Depressionen, die sie immer dann anfallen, wenn sie sich allein und mutlos fühlen.

Gespräche wie diese mit Gerda Dellbrügge aus Münster führen sie oft zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie erfahren dabei, dass sie anfangen müssen, sich Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Und sie stimmen zu, wenn die Kursleiterin sagt, dass eine zufriedene Frau kaum in Depressionen verfällt, wenn die Wechseljahre einsetzen.
„Wer aber die eigene Lebenssituation als unbefriedigend erlebt, erfährt die Wechseljahre schnell anders.“ Die Psyche wird zum Schlüssel. Doch sie kann nicht alles lösen.

Jüngsten Studien zufolge leiden drei Prozent der Frauen unter schlimmen Beeinträchtigungen während der Menopause. 19 Prozent erleben sie als „relativ schlimm“, 53 Prozent spüren sie in Phasen, und 35 Prozent nehmen die Folgen der hormonellen Veränderungen kaum wahr. Diese letzte Gruppe braucht kaum Unterstützung. Den anderen jedoch wurden bis vor einigen Jahren Hormonersatztherapien mehr oder weniger lange empfohlen – je nachdem, wie hoch der Leidensdruck war.

Das ist spätestens seit dem Jahr 2002 vorbei. Amerikanische Wissenschaftler stellten damals eine Studie vor, die seitdem zwar immer wieder in ihrer Methodik angezweifelt worden ist, aber trotzdem zu denken gab. Durch die Hormongabe, so argumentierten die Forscher, steige das Risiko von Folgeerkrankungen wie Thrombosen, Schlaganfall oder Brustkrebs. Gynäkologen sind seitdem sehr vorsichtig geworden. Die meisten von ihnen verordnen nur noch Hormone, wenn die Wechseljahres-Symptome schwer erträglich werden. Auch die Dauer dieser Gaben ist zurückgegangen.

„Ich verteufele die Hormonersatztherapie nicht. In manchen Fällen wird sie notwendig sein“, meint Gerda Dellbrügge. Insgesamt jedoch würde sie sich wünschen, dass die psychischen Aspekte nicht mehr länger vernachlässigt werden und damit aufgehört wird, die Wechseljahre als Krankheit darzustellen. „Das sind sie nicht. Sie sind ebenso wie Pubertät und Schwangerschaft ein natürlicher Lebensabschnitt.“

Ein langer Abschnitt. Insgesamt dehnen sich die Wechseljahre im Schnitt auf zehn bis 14 Jahre aus, in denen viele Frauen immer wieder mal die Veränderungen in ihrem Körper spüren. Dass sie diese Symptome stärker belasten als alle anderen Hormon-Turbulenzen zuvor, liegt am Zeitpunkt. „In vielen Fällen sind die Kinder aus dem Haus, und die Frauen fallen in ein tiefes Loch, weil sie aufgehört haben, sich immer wieder neue eigene Ziele zu setzen.“

Methoden wie das „Neurolinguistische Programmieren“ setzen an diesem Punkt an. Sie propagieren eine Art Sekundärgewinn, indem die Teilnehmerinnen damit beginnen, ihre Stärken zu erkennen und zu nutzen. „Es ist schön, wenn die Frauen merken, was sie alles schon geleistet haben und über wie viele Fähigkeiten sie verfügen.“ Tipps geben Trainer wie Gerda Dellbrügge jedoch nicht. „Jeder muss seine Ziele selbst entwickeln, nur so können sie funktionieren.“

Manchmal kann es schon ein guter Anfang sein, damit aufzuhören, sich immer an 20- und 30-Jährigen zu messen. „Die Menschen neigen dazu, sich zu ihrem Nachteil zu vergleichen“, sagt Gerda Dellbrügge. Dabei kann nichts Gutes herauskommen. „Seelische Probleme stehen im Zusammenhang mit persönlichen Lebensumständen.“ Wer das begreift, hat Chancen, die Wechseljahre nicht als Weg zum Abstellgleis zu empfinden.