Quelle: wissen.leben.gender
Newsletter des Gleichstellungsbüros der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Sommersemester 2015
Interview: Janine Tratzki
„Die drei Buchstaben T-U-N sind die wichtigsten – das Tun.“
Interview mit der Volltreffer-Trainerin Gerda Dellbrügge
Gerda Dellbrügge ist seit 2012 als Trainerin in der Fortbildungsreihe „Volltreffer!“ tätig.
Die Seminarthemen beschäftigen sich u.a. mit der beruflichen sowie privaten Entwicklung von Frauen in der zweiten Lebenshälfte und dem gesunden Älterwerden im Beruf.
Ein Interview mit der Volltreffer-Trainerin über ihren eigenen Werdegang und ihre Arbeitsweise, den demographischen Wandel am Arbeitsplatz und die Wichtigkeit von Resilienz.
Sie arbeiten nun im vierten Jahr als Trainerin in der Fortbildungsreihe Volltreffer. Wie sind Sie dazu gekommen, Seminare anzubieten?
Nach dem Studium der Sozialen Arbeit habe ich als Leiterin des Freiwilligen Sozialen
Jahres beim DRK-Landesverband gearbeitet und dort schon seit 1984 Seminare gegeben.
Später war ich beim LWL im Beschwerdemanagement von Patienten und Patientinnen
aus psychiatrischen Kliniken, Suchtkliniken und Maßregelvollzugseinrichtungen tätig.
Seit meinen ersten Seminaren bin ich aber auch immer bei der Gestaltung und Leitung
von Seminaren geblieben und bin seit Anfang der 1990er Jahre (zunächst nebenamtlich)
freiberuflich in diesem Bereich tätig gewesen. Parallel habe ich mich über die Jahre stetig
fortgebildet und z. B. eine klientenzentrierte Beratungsausbildung nach Rogers absolviert.
Zudem bin ich NLP-Master-Practitioner, systemischer Coach und heilkundliche Psychotherapeutin sowie Hypnotherapeutin.
Da in meiner selbstständigen Nebentätigkeit immer mehr Aufträge hinzugekommen sind,
war ich beim LWL in den letzten drei Jahren von 2010 bis 2013 auf eigenen Wunsch in
Teilzeit beschäftigt und habe mehr freiberuflich gearbeitet. Ich war dann an einem Punkt,
an dem ich eine Entscheidung über meine berufliche Zukunft treffen musste. Ich habe
gerne beim LWL gearbeitet, merkte aber, dass mein Herzblut an meiner jetzigen Tätigkeit als Trainerin, Coach und heilkundlicher Psychotherapeutin hängt. Es hat mir immer Spaß
gemacht, die Resonanzen waren super und dann dachte ich: „Ja, das machst Du jetzt.“
So habe ich nach 25 Jahren meine feste Stelle gekündigt und bin komplett in die Selbstständigkeit gegangen – und ich habe es noch keinen Tag bereut.
Sie bieten unter anderem das Seminar „Lust und Frust des Älterwerdens“ in der Reihe
„Volltreffer“ an. Wie wird das Thema demographischer Wandel bzw. Altern am Arbeitsplatz aus Ihrer Sicht gesehen?
Hinter dem Thema „Lust und Frust des Älterwerdens“ steckt zunächst der Zwiespalt, dass
wir ja alle älter werden, dass aber niemand älter werden möchte. Altern ist mit vielen
Klischees behaftet, die allerdings in der Regel nicht stimmen, vor allem wenn man sich vor Augen führt, wie lange Menschen heutzutage leistungsfähig bleiben, wie sie aussehen usw.
Das hat sich komplett verändert. Auch hier ist es wichtig, das Denken zu verändern, das Altern als Chance zu begreifen und den Blick auf die positiven Seiten des Älterwerdens zu lenken. So wachsen z. B. die Erfahrungen mit dem Alter, sodass ich mit diesem Wissen mitunter besser einschätzen kann, ob ein Vorhaben eher Erfolg oder Misserfolg bringt.
Im Berufsleben ist die Zusammenarbeit zwischen jüngeren und älteren Menschen ein wichtiges Thema und eine zunehmende Herausforderung aufgrund des demografischen Wandels. Wir brauchen sowohl jüngere Menschen, die z. B. technisch auf dem neuesten Stand sind und neue Ideen einbringen; wir brauchen aber auch die erfahrenen Kräfte, die z. B. Situationen aufgrund ihrer Lebenserfahrung besser einschätzen können. Statt gegeneinander zu arbeiten, sollte also mehr Zusammenarbeit stattfinden, denn diese kann eine absolute Bereicherung sein.
Es ist wichtig, sich dem Thema zu stellen und zu akzeptieren, dass man älter wird. Das was ich denke hat Einfluss auf mein Gefühl, mein Verhalten und das Ergebnis. Somit hat das Denken über das Älterwerden Auswirkungen darauf, wie ich mit dem eigenen Älterwerden umgehe, wie ich durch das Leben gehe und ob ich ein positives Lebensmodell habe, selbst wenn die Zeiten schwierig werden und sich die ersten „Alterszipperlein“ einstellen. Dem entsprechend haben sowohl dieses Seminar als auch die anderen Themen etwas mit Gesundheitsförderung zu tun, weil diese Art der Auseinandersetzung für die Teilnehmenden gut ist und sie gesund und munter ins Rentenalter und darüber hinaus kommen.
Ein anderes Seminar beschäftigt sich mit dem Thema „Resilienz“. Was genau ist darunter zu verstehen?
Der Begriff „Resilienz“ kommt ursprünglich aus der Physik. Gemeint ist hier ein Körper
der sich verformen kann, danach aber in die Ursprungsform zurückkehrt. In der Psychologie meint Resilienz eine innere Stärke, eine Widerstandskraft, die ein Mensch hat, um Krisen, Herausforderungen, große Veränderungen oder schwierige Situationen meistern zu können.
Das Synonym wäre hier das Stehaufmännchen. Dahinter verbirgt sich auch, dass ich mein Denken verändere, dass ich von dem Gedanken „alles ist schlecht“ weg- und zu positiven Sichtweisen hinkomme. Konstruktive Kritik meine ich in diesem Zusammenhang übrigens nicht, denn diese ist oft wichtig und gut. Ich erlebe es aber häufig, dass Menschen sich stark mit der Vergangenheit beschäftigen und sich z.B. über vergangene Vorfälle oder Konflikte am Arbeitsplatz ärgern, dadurch aber zu keiner Lösung kommen.
In den Resilienz-Seminaren erlernen die Teilnehmenden nach vorne zu
blicken und lösungsorientiert sowie zukunftsorientiert zu denken und zu handeln.
Es gilt zu überlegen: Was kann ich dafür tun, dass sich an meiner Situation etwas ändert, denn ich kann keine anderen Menschen ändern, wenn diese es nicht selbst wollen.
Das dient der Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsbildung.
Insgesamt ist dieses Thema derzeit sehr gefragt, es ist aber nicht ganz neu.
Bereits seit 1955 hat die Entwicklungspsychologin Emmy Werner 700 Kinder einer hawaiianischen Insel, die in sehr schwierigen Elternhäusern groß geworden sind, über 40 Jahre begleitet.
Sie hat festgestellt, dass ungefähr ein Drittel dieser Menschen trotz schwieriger
Startbedingungen mit Zuversicht durch das Leben gehen und ihr Leben gut gemeistert
haben. Emmy Werner hat bei diesen Personen bestimmte Fähigkeiten, die sogenannten
Resilienzfaktoren, entdeckt. In der positiven Psychologie finden sich diese Resilienz-faktoren auch wieder.
Ein Beispiel für diese Faktoren wäre die Akzeptanz von Dingen, die ich nicht ändern kann. Statt lange damit zu hadern, dass sie z. B. eine „falsche“ Entscheidung getroffen haben, versuchen resiliente Menschen dies zu akzeptieren und ihren inneren Frieden damit zu finden.
Ein anderer Faktor wäre z.B. die Netzwerkorientierung; d.h. resiliente Menschen haben ein intaktes Netzwerk und wissen, wen sie um Unterstützung bitten können und haben nicht das Gefühl, alle Herausforderungen alleine meistern zu müssen. Bereits im Kindesalter wirken sich verschiedene Faktoren auf die Resilienzfähigkeit eines Menschen aus. Mittlerweile wissen wir aber – und das ist das Schöne – dass wir die Resilienz-faktoren, die nicht so stark ausgeprägt sind, auch noch im Erwachsenenalter verstärken können.
Wie arbeiten Sie in diesen Seminaren mit den Teilnehmerinnen?
Meine Seminare sind stark übungszentriert, sodass die Teilnehmerinnen sofort trainieren,
die Theorie in der Praxis anzuwenden. Es ist es mein Anliegen, ihnen Handwerkszeug
an die Hand zu geben, damit sie für sich klären, was sie selbst in ihrem Leben ändern können.
Dabei stelle ich oft fest, dass die Teilnehmerinnen tolle Fähigkeiten haben, sich dessen aber oft nicht bewusst sind. Daher ist es immer auch Teil meiner Seminare, sich mit den eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen, z. B. dem Meistern von vergangenen schwierigen Situationen auseinandersetzen und sich somit der eigenen Stärken bewusst zu werden.
Hier erlebe ich es öfter, dass der einzelnen zunächst nicht so viele eigene Stärken einfallen. Ich schlage dann vor, baldmöglichst eine Liste mit mindestens 150 eigenen Fähigkeiten zu erstellen. Die meisten Teilnehmerinnen reagieren zunächst ungläubig und skeptisch auf diese Vorgabe, entdecken durch die Beschäftigung damit jedoch schnell sehr viele eigene Ressourcen und Stärken, derer sie sich zuvor nicht bewusst waren.
Gerade Frauen nehmen dann häufig erst wahr, welche Herausforderungen sie bereits in ihrem Leben gemeistert haben und sie lernen, dies als Stärke wertzuschätzen.
Was sind Ihre (schönsten) Erfahrungen mit der Fortbildungsreihe Volltreffer?
Ich freue mich immer sehr darüber, nach einer gewissen Zeit eine Rückmeldung von
Teilnehmenden zu bekommen und ihre Entwicklung zu sehen. Manchmal treffe ich
sie z.B. in einem anderen Seminar wieder und sie erzählen mir, dass sie die Inhalte,
die ich ihnen in meinem Seminar vorgestellt habe, vorangebracht haben, dass sie etwas
verändern konnten.
In jedem Seminar sage ich: „Die drei Buchstaben T-U-N sind die wichtigsten – das Tun.“
Es ist wichtig, dass nach einem Seminar auch etwas folgt, aber das bedeutet für die einzelne Person auch mitunter viel Arbeit. Die Menschen, die bereit sind, nach den Seminaren etwas umzusetzen, die profitieren davon auch und darüber freue ich mich dann sehr.
Artikel
Veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Kommunikation & Seminar”, Heft 2, April 2008, Junfermann Verlag Paderborn
Mut statt Hormone
Von Gerda Dellbrügge
Praxis-Bericht: Beschwerden in den Wechseljahren sind vermeidbar, wenn Frauen sich von alten Denkmustern befreien. Das Neurolinguistische Programmieren hilft.
Vor einiger Zeit traf ich meine Nachbarin, Frau K., auf der Straße. Nach einem freundlichen „Hallo – wie geht’s?“, sprudelte es aus ihr heraus: „Mir geht es gar nicht gut. Manchmal bin ich total gut drauf und könnte Bäume ausreißen und am nächsten Tag dann das absolute Gegenteil: Ich habe zu nichts Lust und bin sehr niedergeschlagen. Und dann diese Schweißausbrüche.“
Die Offenheit der Nachbarin überraschte mich. Doch ich kenne das Problem aus ähnlicher Beschreibung, wie ich sie häufig bei der Beratung von Frauen in der Lebensmitte höre.
Die Wechseljahre gerieten vor allem seit der Veröffentlichung einer US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2002 in den Blickpunkt des Interesses. Nach dem Befund der Studie war bei Frauen, die Hormone zur Linderung der Wechseljahr-Symptome einnahmen, das Risiko gestiegen, an Thrombose, Embolie, Schlaganfall oder Brustkrebs zu erkranken.
Das löste eine rege Diskussion über Sinn und Grenzen einer Hormonersatztherapie aus. Häufig werden die Wechseljahre als eine „Hormonmangelkrankheit“ dargestellt, die alle Frauen durchleiden müssen. Älterwerden wird in unserer Gesellschaft noch vorwiegend als Verlust und kaum als Gewinn betrachtet. Wechseljahre, wie Pubertät oder Schwangerschaft ein natürlicher Abschnitt im Leben einer Frau, werden als Abweichung und Krankheit betrachtet und behandelt.
Im Fokus stehen meist körperliche Symptome, wie Hitzewallungen und Schlafstörungen. Psychische Aspekte werden eher vernachlässigt. Weiblichkeit wird in der westlichen Welt meistens auf Gebärfähigkeit und sexuelle Attraktivität reduziert. Schlanke, junge und gut aussehende Frauen haben es häufig leichter, Karriere zu machen, als ihre Kolleginnen,
die diesem Bild nicht entsprechen. Es verwundert nicht, dass viele Frauen Probleme haben, wenn in den Wechseljahren die Haut erschlafft, Falten sichtbar werden und die Figur ein wenig aus den Fugen gerät. Selbst aufgeklärte, moderne Frauen hadern zuweilen mit diesen Veränderungen oder geraten gar in eine Sinnkrise. Die Kinder sind aus dem Haus oder ein Kinderwunsch konnte vielleicht nicht realisiert werden. Die Arbeit stellt sie nicht recht zufrieden, die Beziehung zum Partner ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Wechseljahre sind bestens geeignet, alte Minderwertigkeitsgefühle oder ein angeschlagenes Selbstbewusstsein zu Krankheiten werden zu lassen. Nicht wenige Frauen fühlen sich dann wert- und nutzlos.
Ich sage also meiner Nachbarin, dass ein schwankender Hormonspiegel Frauen nicht zwangsläufig emotional und psychisch belasten muss. Seelische Probleme stehen in Zusammenhang mit der eigenen Lebensgeschichte und persönlichen Lebensumständen. Eine zufriedene Frau wird, nur weil sie in die Wechseljahre kommt, kaum in Depression verfallen. Wer aber die eigene Lebenssituation als eher unbefriedigend erlebt, mag die Wechseljahre anders erfahren.
Meine Nachbarin weiß, dass ich Einzelberatungen und Selbsterfahrungsgruppen für Frauen in der Lebensmitte anbiete. „Sag mal, was machst du mit den Frauen?“ Ja, was mache ich mit ihnen? Bei mir machen sich Frauen vertraut mit den körperlichen und den geistig-seelischen Veränderungen und damit, was diese Veränderungen bedeuten.
Bei mir lernen Frauen, sich unter anderem bewusst zu werden, wovon sie sich verabschieden möchten. Und was sie dazu gewinnen wollen: Sie lernen Ideen für den neuen Lebensabschnitt zu entwickeln und einen Zugang zu ihren Ressourcen und Kräften zu finden, die ihnen helfen, ein Ziel zu erreichen. Sie erkunden ihre Wünsche, Sehnsüchte oder Ängste in Bezug auf ihre Zukunft. Sie lernen mit Einstellungen, Überzeugungen und alltäglichen Denkmustern umzugehen, die Auswirkungen auf ihre Gesundheit haben, und sie lernen, diese zu verändern. Sie lernen, die Botschaft hinter den Symptomen zu verstehen. Sie tauschen sich über ihre Erfahrungen aus. Die Nachbarin seufzt: „Das hört sich ja gut an. Aber etwas zu verändern ist so schwer.“ Nun komme ich mitten auf der Straße doch ins Erzählen. Ich berichte ihr von meiner Methode, dem Neurolinguistischen Programmieren, das eine Menge Werkzeuge und Hilfsmittel für eine solche Arbeit bereithält. Zum Beispiel die Arbeit mit Ressourcen: Meine Erfahrung ist, dass Frauen auf die Frage nach ihren Ressourcen, Fähigkeiten und positiven Wertvorstellungen oft nur eine negative Antwort haben: „Weiß nicht. Es gibt im Grunde nichts, worauf ich stolz sein könnte.“ Die Nachbarin nickt und sagt sofort: „Ich hätte die gleiche Antwort gegeben.“
Ich erzähle weiter von den Frauen und von den Gesprächen mit ihnen, die immer wieder deutlich machen, was diese Frauen in ihrem Leben alles gemeistert haben. Und wie schön es ist, mitzuerleben, wie diese Frauen lernen, sich mit Wertschätzung zu begegnen und wieder Zugang zu ihren wunderbaren Ressourcen zu bekommen. Mir fällt das Beispiel einer Sekretärin ein. Vor einigen Wochen kam sie in die Beratung und klagte über Hitzewallungen, Rückenschmerzen, depressive Verstimmungen. Zusätzlich beschrieb sie ihre Unzufriedenheit im Beruf. Im Laufe unseres Gesprächs erkannte sie, dass sie sich mit ihrem Chef aussprechen müsse. Sie traute sich jedoch nicht, ihn um ein solches Gespräch zu bitten. Ich bat sie, sich an eine Situation in der Vergangenheit zu erinnern, in der sie es geschafft hatte, eine unangenehme oder als beängstigend erlebte Situation zu meistern.
Sie fand nach einem inneren Suchprozess eine geeignete Situation. Sie erinnerte sich ihrer Fähigkeit „Mut“, mit deren Hilfe sie damals das Problem gelöst hatte. Ich bat sie, dieses Ereignis samt ihrem Mut mit allen Sinnen innerlich noch einmal zu durchleben. Danach stellte sie sich eine Situation in der Zukunft vor, in der sie ihre Ressource „Mut“ zur Verfügung hat und ihren Chef um ein Gespräch bittet. Die Frau berichtete einige Wochen später, sie habe tatsächlich das Gespräch mit ihrem Chef geführt, und zwar mit einem für sie zufrieden stellenden Ergebnis. Sie war überrascht darüber, dass sie sich das getraut hatte und dass „es so schnell gegangen war“.
Frau K., meine Nachbarin, hing mir förmlich an den Lippen. Ich fing an, von den Persönlichkeitsteilen zu erzählen. Ich sagte ihr, dass Symptome, etwa Stimmungsschwankungen, als Botschaften von Persönlichkeitsteilen verstanden werden können, die sie auf etwas in ihrem Leben aufmerksam machen wollen. Diese Persönlichkeitsteile haben positive Absichten und meinen es gut mit ihr. Das mag schwer zu verstehen sein, da sie diese Symptome als lästig und leidvoll empfindet. Würden aber diese positiven Absichten in ihrem Leben auf andere Art und Weise als bisher sichergestellt – durch alternative Verhaltensweisen – ließen sich ihre Persönlichkeitsteile „zufrieden“ stellen, und die unangenehmen Symptome würden womöglich vergehen.
„Das ist ja eine völlig neue Sichtweise“, staunte Frau K. „Vielleicht kann ich meine Symptome doch auf anderem Wege als mit Medikamenten bekämpfen.“
Ich hatte eine neue Klientin gewonnen.
Artikel aus den WN vom 30.09.2008
Fürs Gleichgewicht
Frauen in den Wechseljahren müssen ihre Stärken entdecken
Von A. Schwegmann
Diese Frage stellt Gerda Dellbrügge jeder Frau in ihren Kursen: “Überlegen Sie sich,
worauf Sie stolz sein können.” Häufig genug schaut sie dabei in verlegene und ratlose Gesichter.
Manche Frauen nennen die Kinder, die sie großgezogen haben. Doch sehr viel mehr fällt vielen von ihnen nicht ein. Etliche der Frauen, die Kurse buchen, wie Gerda Dellbrügge und andere Therapeuten sie anbieten, leiden unter den Folgen des Älterwerdens und empfinden die Wechseljahre als eine Art persönlichen Keulenschlag. Sie sprechen von Wechselbädern der Gefühle, von Depressionen, die sie immer dann anfallen, wenn sie sich allein und mutlos fühlen.
Gespräche wie diese mit Gerda Dellbrügge aus Münster führen sie oft zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie erfahren dabei, dass sie anfangen müssen, sich Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Und sie stimmen zu, wenn die Kursleiterin sagt, dass eine zufriedene Frau kaum in Depressionen verfällt, wenn die Wechseljahre einsetzen.
“Wer aber die eigene Lebenssituation als unbefriedigend erlebt, erfährt die Wechseljahre schnell anders.” Die Psyche wird zum Schlüssel. Doch sie kann nicht alles lösen.
Jüngsten Studien zufolge leiden drei Prozent der Frauen unter schlimmen Beeinträchtigungen während der Menopause. 19 Prozent erleben sie als “relativ schlimm”, 53 Prozent spüren sie in Phasen, und 35 Prozent nehmen die Folgen der hormonellen Veränderungen kaum wahr. Diese letzte Gruppe braucht kaum Unterstützung. Den anderen jedoch wurden bis vor einigen Jahren Hormonersatztherapien mehr oder weniger lange empfohlen – je nachdem, wie hoch der Leidensdruck war.
Das ist spätestens seit dem Jahr 2002 vorbei. Amerikanische Wissenschaftler stellten damals eine Studie vor, die seitdem zwar immer wieder in ihrer Methodik angezweifelt worden ist, aber trotzdem zu denken gab. Durch die Hormongabe, so argumentierten die Forscher, steige das Risiko von Folgeerkrankungen wie Thrombosen, Schlaganfall oder Brustkrebs. Gynäkologen sind seitdem sehr vorsichtig geworden. Die meisten von ihnen verordnen nur noch Hormone, wenn die Wechseljahres-Symptome schwer erträglich werden. Auch die Dauer dieser Gaben ist zurückgegangen.
“Ich verteufele die Hormonersatztherapie nicht. In manchen Fällen wird sie notwendig sein”, meint Gerda Dellbrügge. Insgesamt jedoch würde sie sich wünschen, dass die psychischen Aspekte nicht mehr länger vernachlässigt werden und damit aufgehört wird, die Wechseljahre als Krankheit darzustellen. “Das sind sie nicht. Sie sind ebenso wie Pubertät und Schwangerschaft ein natürlicher Lebensabschnitt.”
Ein langer Abschnitt. Insgesamt dehnen sich die Wechseljahre im Schnitt auf zehn bis 14 Jahre aus, in denen viele Frauen immer wieder mal die Veränderungen in ihrem Körper spüren. Dass sie diese Symptome stärker belasten als alle anderen Hormon-Turbulenzen zuvor, liegt am Zeitpunkt. “In vielen Fällen sind die Kinder aus dem Haus, und die Frauen fallen in ein tiefes Loch, weil sie aufgehört haben, sich immer wieder neue eigene Ziele zu setzen.”
Methoden wie das “Neurolinguistische Programmieren” setzen an diesem Punkt an. Sie propagieren eine Art Sekundärgewinn, indem die Teilnehmerinnen damit beginnen, ihre Stärken zu erkennen und zu nutzen. “Es ist schön, wenn die Frauen merken, was sie alles schon geleistet haben und über wie viele Fähigkeiten sie verfügen.” Tipps geben Trainer wie Gerda Dellbrügge jedoch nicht. “Jeder muss seine Ziele selbst entwickeln, nur so können sie funktionieren.”
Manchmal kann es schon ein guter Anfang sein, damit aufzuhören, sich immer an 20- und 30-Jährigen zu messen. “Die Menschen neigen dazu, sich zu ihrem Nachteil zu vergleichen”, sagt Gerda Dellbrügge. Dabei kann nichts Gutes herauskommen. “Seelische Probleme stehen im Zusammenhang mit persönlichen Lebensumständen.” Wer das begreift, hat Chancen, die Wechseljahre nicht als Weg zum Abstellgleis zu empfinden.
